Besinnliche Adventszeit - oder: die Zeit der hohen Erwartungen

Die Erwartungshaltung an uns selbst ist in der Adventszeit meist riesig. Und wie es Murphys Gesetz so will, geht genau dann etwas schief. Und das ist total okay, es muss nicht immer alles rund laufen. Es gehört dazu, dass mal etwas schief geht.

Wir können nur lernen, uns darauf zu besinnen, worum es in dieser Zeit wirklich geht. Und nach der Erfahrung der Achtsamkeitsexpertin Karima Stockmann entstehen so meistens die schönsten Geschichten. 

Die Adventszeit - sie ist wunderschön und eine Herausforderung zugleich. Plätzchen backen, dekorieren, Weihnachtsgeschenke finden und alles für ein perfektes Weihnachtsfest vorbereiten. Dabei vergessen wir oft, dass es in dieser stillen Zeit doch um Besinnlichkeit und die Entschleunigung geht. 

Jede Frau kennt das wohl: die Erwartungshaltung des Umfeldes ist groß, noch herausfordernder ist jedoch die Erwartungshaltung die wir uns selbst gegenüber haben. Und was hilft in dieser Situation? Achtsam sein, sich darauf besinnen, was in diesem Augenblick wirklich zählt! Doch das ist leichter gesagt als getan. Selbst Profis können nicht so einfach abschalten. 

Wir haben mit Achtsamkeitsexpertin Karima Stockmann darüber gesprochen, wie ein Unfall ihr Weihnachtsfest zu etwas ganz Besonderem gemacht hat und wie sie mit dem Erwartungsdruck an die Adventszeit umgeht. 

Liebe Karima, ist bei dir in der Adventszeit schon mal etwas gehörig schief gegangen?

Mein Mann, unsere fast 2-Jährige Tochter und ich sind letzten Herbst in unser neues Zuhause gezogen. Deshalb wollten wir die Schwieger- / Eltern entlasten und zu einem großen Essen am 1. Weihnachtsfeiertag zu uns einladen. Gesagt, getan!

Blöd nur, dass sich mein Mann 5 Tage vor Weihnachten sein Bein brach und Weihnachten OP-bedingt im Krankenhaus verbringen musste! Das bedeutete für mich also nun alles alleine durch zuziehen - mit Kleinkind, 2 Neffen als Übernachtungsbesuch und dem Rest der Familienbande.

Wie bist du mit dieser Situation umgegangen, bzw. konntest du die Situation gelassen sehen? Wenn ja, wie?

Anfangs war ich ehrlich gesagt ein bisschen traurig über diesen Schlamassel und auch alles andere als gelassen. Da ich aber ungern in negativen Emotionen gefangen bleibe, habe ich mich gefragt, was mich eigentlich genau an der Situation stresst: Die Perfektionistin in mir wollte halt die perfekte Gastgeberin abgeben. 

Doch was gehört eigentlich dazu, um allen - inklusive mir selbst - einen tollen Abend zu bescheren? Ein stundenlang geputztes und feierlich dekoriertes Haus sicher nicht, genauso wenig wie ein perfekt kredenztes Abendessen. 

Und so habe ich wirklich nur das Nötigste aufgeräumt und beim Essen zubereiten wurden alle mit eingespannt. Bei den Jüngsten teilweise erst mit etwas Widerwillen, aber genau dieses Zusammenhelfen war das, was den Abend letztlich so gelungen und besonders machte. Ach und die Küche sah übrigens nach der gemeinsamen Küchenschlacht dank meiner fleißigen Helfer sogar sauberer aus als zuvor! 

Gibt es Momente, in denen dir - besonders in der Adventszeit - alles über den Kopf wächst, und wie gehst du damit um?

Früher hat mich der Vorweihnachtsstress immer dann erwischt, wenn zu viele Erwartungen an diese Zeit zusammen kamen: Plätzchen backen, überall dekorieren, ja keinen Weihnachtsmarkt verpassen, Weihnachtsfeiern hier, Geschenkemarathon da! Das, was die Welt halt so tut, wenn Weihnachten vor der Tür steht, vermeintlich...

Heute aber frage ich mich, was diese Zeit für mich persönlich wirklich bedeutet und nehme damit total den Druck raus, indem ich mich von den Vorstellungen löse, wie laut Medien, Eltern oder Freunden die Adventszeit auszusehen hat. 

Auch schütze ich mich vor unnötigem Zeitdruck, indem ich zum Beispiel lieber Neujahresgrüße statt Weihnachtskarten verschicke und mit der Familie gemeinsame Unternehmungen im neuen Jahr als Geschenk vereinbare, statt lauter Einzelgeschenke zusammen zu suchen. Bei Einladungen traue ich mich öfter "Nein" zu sagen, ohne Angst zu haben, etwas zu verpassen - getreu dem Motto "Weniger ist mehr". 

 

Hast du noch weitere Tipps für unsere Leserinnen und Leser, um die Adventszeit zu genießen?

Ich kann einfach jedem empfehlen - so wie ich - die Erwartungen an diese Zeit herunter zu schrauben. Denn viele Menschen befinden sich ja aktuell auch in herausfordernden Lebensphasen, müssen vielleicht noch einen Verlust verarbeiten. Da kann die Oh-Du-Fröhliche-Weihnachtszeit einige Wunden aufreißen und uns alles andere als fröhlich stimmen. 

Wenn dem so ist, dann sollten wir milder mit uns und unserer Stimmung sein und uns gezielt unsere persönlichen Kraftquellen zum Auftanken gönnen - ein inspirierender Podcast, ein gutes Buch, Zeit in der Badewanne, ätherische Öle, ein langes Telefonat mit einer Vertrauten.

Die klassischen Adventsbeschäftigungen können uns zwar auch ganz gut auf andere Gedanken bringen, doch Emotionen wie Trauer, Wut oder Enttäuschung brauchen genauso ihren Raum, um heilen zu können. 

Erwarten wir also gar nicht erst, dass die Adventszeit immer nur purer Genuss sein muss, sondern nehmen wir die Zeit als wertvolle Chance wahr, um uns auch bewusst mit gewissen Herausforderungen zu beschäftigen und diese vielleicht abzuschließen oder in etwas Neues zu verwandeln.

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